Gesundheit & Ernährung

Rezension: „Milch – vom Mythos zur Massenware“ von Andrea Fink-Kessler

„Milch – Vom Mythos zur Massenware“ – ein wilder Ritt durch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Milch. Spannend wie ein Krimi, informativ wie eine gut gemachte Dokumentation…


Seit über 30 Jahren befasst sich Andrea Fink-Keßler als freiberufliche Autorin mit europäischer Agrarpolitik und Fragen der Lebensmittelqualität. Die Milch spielt hierbei immer wieder eine herausragende Rolle – in ihrer Dissertation befasste sich die Agrarwissenschaftlerin intensiv mit den „Qualitätsnormen der Milchproduktion“.

Heute leitet Andrea Fink-Keßler das Büro für Agrar- und Regionalentwicklung in Kassel und ist Redakteurin des „Kritischen Agrarberichts“.

Autorin Andrea Fink-Keßler, © Foto: privat

Autorin Andrea Fink-Keßler, © Foto: privat

„Milch – vom Mythos zur Massenware“ ist ein wilder Ritt durch die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Milch. Spannend wie ein Krimi, informativ wie eine gut gemachte Dokumentation im Abendprogramm von Arte.

Gut, das mit dem Krimi ist vielleicht übertrieben, aber „Mythos Milch“ hat es geschafft, mich zu fesseln. Ein Sachbuch für einen gemütlichen Sofaabend oder ein oder mehrere genüssliche Lesestündchen auf dem sonnigen Balkon, das aber auch in keiner Lehrerbibliothek fehlen sollte. Und das nicht nur wegen der Milch, sondern auch wegen des Wissens, das ganz nebenbei mitgeliefert wird.

Auf den ersten Seiten erfahren wir, wie die Milch zum Menschen kam. Andrea Fink-Keßler nimmt uns mit zu den Sumerern, zu den Ägyptern, zu den Rindern Afrikas, die schließlich über den Bosporus nach Nordeuropa gelangten. Sie erzählt von Opferriten und den ersten Schafen und Ziegen, die als Haustiere gehalten wurden. Von den Anfängen der Milcherzeugung um 8.000 vor Christus. Erklärt, wie aus einer Genmutation die Laktosetoleranz entstand und wie und warum die Kuh in Indien heilig geworden ist. Sie führt uns durch die Sagen und Mythen unterschiedlicher Kulturen, zu heiligen Hochzeiten, zu den ägyptischen Göttern Isis und Osiris, zu den griechischen Göttern Zeus und seiner kuhäugigen Gattin Hera. Letztere soll unabsichtlich zur Entstehung der Milchstraße beigetragen haben, als ein Strahl ihrer Milch über den Himmel spritzte. Schließlich erfahren wir noch von der süßen Milch Marias, die im Christentum ja als Mittlerin zwischen Mensch und Gott gilt.

Milch als Quelle des Lebens und als Symbol der Fruchtbarkeit spielt immer und überall eine zentrale Rolle, in der Realität wie in religiösen Vorstellungen.
Weiter geht’s nicht ganz, aber annähernd chronologisch:
In der Antike blieb frische Milch – meistens von der Ziege – weitgehend den Kindern und Kranken vorbehalten, während der Käse auf keinem Tisch fehlen durfte. Kuhmilch war selten und teuer und wurde daher nur „auf die trautesten Kinder verwandt“. Für Männer schickte es sich übrigens gar nicht, Milch zu trinken „wie Knaben“.
„Die antike Geringschätzung, ja Verachtung von Trinkmilch und Butter teilten nicht alle Völker. In den Tundren, Bergen, Steppen und Wüsten waren Milch, Sauermilch und Butter eines der wichtigsten Nahrungsmittel nomadisch lebender Volksgruppen. Und das bis heute“.

Eins meiner Lieblingskapitel: Das über die Rendille, Viehzüchter aus dem Norden Kenias, die bis heute 75% ihres Kalorienbedarfs durch Kamelmilch decken. Die Milch liefert ihnen alle wichtigen Nährstoffe und Vitamine, die gerade in Wüstenregionen sonst fehlen. „Als frische Milch ist sie Nahrung und Wasser zugleich, vor allem für die Kinder. Daher messen die Rendille die Milchleistung eines Kamels auch nicht in Litern oder Gallonen, sondern in der Anzahl der Kinder, die täglich davon ernährt werden können. Das Kamel scheint sich dieser Verantwortung als Durstlöscher für die Kinder der Menschen und das eigene Kind wohl bewusst zu sein: In trockenen Zeiten ist seine Milch wässriger als in Regenzeiten und enthält dann 91% Wasser, statt wie sonst 86%.

Auf diese wunderschöne Einführung in die Welt der Milch folgt ziemlich abrupt der Sprung „vom Mythos zur Massenware“. Wir erfahren, wie die Kuh in den Stall und schließlich an den Melkroboter kam. Andrea Fink-Keßler spricht von Butterbergen, Milchseen und den unterschiedlichen Ansätzen, die Milchproduktion zu regulieren. Von Hygienestandards, H- und Bio-Milch. Von Milchbauern, der EU, dem Im- und Export von Milch und -produkten, aber auch von der Milchschnitte und gentechnisch verändertem Viehfutter. Das liest sich nicht mal eben im Schnelldurchlauf, ist aber durch die vielen Überschriften und eine Kurzzusammenfassung am Anfang eines jeden Abschnitts so gut strukturiert, dass auch das Lesen einzelner ausgewählter Kapitel problemlos möglich ist. Aber: Wer nur das liest, was ihn vor vornherein interessiert hat, der verpasst die vielen liebevoll recherchierten Details, die Meinungen, Studien, Zitate und Hard Facts, die das Gesamtbild vervollständigen. Die Gesichtspunkte, die die vielen kleinen Puzzlesteinchen miteinander verbinden und den Leser verstehen lassen, wie es passieren konnte, dass die Milch, die einst den Göttern gehörte, ihren Weg in die Molkerei und schließlich ins Kühlregal fand.

288 Seiten, oekom verlag München, 2012
ISBN-13: 978-3-86581-311-4
Erscheinungstermin: 08.11.2012

Preis: 19.95 €
Erhältlich als e-Book

http://www.oekom.de/buecher/sachbuch/buch/milch.html