Gesundheit & Ernährung, Meinungen

Paläo-Diät ohne Milch? Ein Missverständnis – Milch gegen Kindersterblichkeit

Per Zufall entdeckten die Menschen vor 8.000 Jahren die Milch als Geheimwaffe gegen Kindersterblichkeit…

Einer der hippsten Trends unserer Zeit heißt „Paläo-Diät“ bzw „Paleo-Diät“. Gemeint ist damit eine Ernährung, die ausschließlich aus Lebensmitteln besteht, die unsere Vorfahren in der Steinzeit konsumiert haben sollen. Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch. Dass unsere Vorfahren auch Käfer, Schnecken und Aas verzehrt haben, wird vorsichtshalber verschwiegen.

Auch, dass die Massai in Ostafrika und die Turkana-Nomaden in Kenia steinzeitlich sehr wohl Milch getrunken haben, nämlich die von Kamelen und Zeburindern. „Folgt man dem Argument der Paläo-Esser, müssten diese Völker anfälliger für Zivilisationskrankheiten sein als solche, die Getreide und Milch verschmähen. Das trifft nicht zu, Zivilisationskrankheiten sind in all diesen Ethnien selten“ schreibt Susanne Schäfer, Wissenschaftsjournalistin und Autorin des Buches „Der Feind in meinem Topf – Schluss mit den Legenden vom bösen Essen“, in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“.
Hier wird auch das zentrale Argument der Paläo-Esser widerlegt, das lautet: „Die genetische Anpassung durch Selektion laufe nicht so schnell ab, dass wir Milch gut verdauen könnten.“ Genau das Gegenteil sei der Fall.

Evolutionsvorteil durch Milchtrinken – Zufällig entdeckten die Menschen vor 8.000 Jahren eine Geheimwaffe gegen die Kindersterblichkeit

„Die ältesten Menschen, die wir kennen, haben überwiegend pflanzliche Nahrung zu sich genommen, aber auch Insekten und Aas“, bestätigt auch Frank Moseler, Archäologe und Museumspädagoge im Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution („Schloss Monrepos“) bei Neuwied. Doch was den modernen Menschen auszeichnet, ist sein Erfindungsreichtum, die Lust daran, neue Dinge auszuprobieren und dann zu schauen, ob sich daraus Vorteile ergeben. So geschehen mit der Milch. „Die ersten archäologischen Nachweise, die darauf hindeuten, dass Milch in der Ernährung des Europäers eine gewisse Rolle gespielt hat, stammen aus Ungarn und Rumänien. Dabei handelt es sich um Keramikgefäße mit anhaftenden Resten von Milcheiweiß und die sind um die 8.000 Jahre alt.“ bild-monrepos2
Allerdings werden die Jungsteinzeitler nicht viel Freude am Milchgenuss gehabt haben, denn jenseits des Säuglingsalters konnten sie – genauso wie alle anderen Säugetiere – kein Milcheiweiß verdauen. Dann geschah etwas Erstaunliches: Augenscheinlich experimentierte man so lange herum, bis man Kinder fand, die doch Milch vertrugen. „Und diese Menschen hatten anscheinend einen so großen Evolutionsvorteil, dass sich die Laktose-Toleranz blitzschnell vererbte. Nur 500 Jahre später hatte sie sich über große Teile von Mittel- und Nordeuropa verbreitet “, sagt der Archäologe. Und Wissenschaftler von den Unis in Bristol und Helsinki konnten kürzlich sogar belegen, dass selbst den frühen Finnen die Milch als Geheimwaffe gegen Kindersterblichkeit vertraut war. Die Keramikscherben mit Milcheiweiß sind z.B. deutlich älter als die mit Fisch-Rückständen.

Hier hätten die Paläo-Fans besser recherchieren sollen. Denn durch Selektion – der Stärkere überlebt – konnte sich innerhalb relativ weniger Generationen, eine zuvor bedeutungslose genetische Mutation verbreiten: Die Laktose-Toleranz.
„Hier liefen evolutionäre Prozesse also schnell ab“ schreibt (auch) die Zeit-Autorin Susanne Schäfer. Und folgert daraus, das Milchtrinken könne keinesfalls unnatürlich sein.

Ähnliches gilt übrigens auch für das zweite von den Paläo-Befürwortern verteufelte Lebensmittel: Das Getreide. Auch hier haben sich die Gene des Menschen verändert: „Wir heutigen Menschen tragen ein bis zwölf Amylase-Gene in unserem Erbgut. Wir können daher Mehlprodukte – Pasta und Pizza – viel besser verdauen als dies unseren Altvorderen gelungen wäre“.

Zitate aus Susanne Schäfers Artikel in „Der Zeit“ vom 29.01.2015
„Wurzeln, Nüsse, Beeren satt. Der jüngste Diät-Trend heißt Paläo – essen wie die Steinzeitmenschen. Aber ist das sinnvoll und wirklich gesund?“

http://www.faz.net/aktuell/wissen/mensch-gene/in-finnland-betrieb-man-in-der-steinzeit-bereits-viehzucht-13180978.html

Susanne Schäfer

DER FEIND IN MEINEM TOPF?

Schluss mit den Legenden vom bösen Essen

Essen ist Lifestyle. Und zugleich wird Essen immer häufiger als Bedrohung wahrgenommen. Echte oder gefühlte Unverträglichkeiten und diffuse Ängste vor bestimmten Inhaltsstoffen dominieren den Speiseplan von immer mehr Menschen.
Der Trend lautet „Frei von …“ Geradezu hysterisch werden wahlweise Gluten, Laktose, Fruktose oder Histamin als Risiko für unsere Gesundheit gebrandmarkt. Etliche dieser Empfehlungen haben eine kürzere Haltbarkeit als die darauf abgestimmten Produkte, an denen die Nahrungsmittelindustrie kräftig verdient – und für Gesunde keinen medizinisch nachweisbaren Nutzen.
Susanne Schäfer untersucht aus medizinischer, psychologischer und soziologischer Perspektive, was für das wirklich gute Bauchgefühl nötig ist. Denn viele der Legenden vom gefährlichen Essen entbehren jeglicher Substanz. Nie war es so einfach wie heute, sich gesund zu ernähren und mit hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen!

Quelle: http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/der-feind-in-meinem-topf-buch-7423/