EU & Politik

Interview: Johannes Remmel, Minister für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- u. Verbraucherschutz

microphone-516043_1280

Vergleichsweise geringer Rückgang von Schulmilch und Kakao in Ländern wie NRW u. Berlin gegenüber Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg spiegeln unterschiedliche Ansätze in Sozial- u. Schulpolitik. Interview mit J. Remmel.

Die Landesregierung in Nordrheinwestfalen setzt seit Jahren auf Ernährungsprogramme in den Schulen, bestehend aus Schulmilch, Schulkakao und Schulobst, aber auch auf Erziehung zur bewussten Ernährung. In dem Bundesland mit seinem hohen Anteil an Migranten und Kindern aus sozial schwachen Familien kooperieren das Schulministerium und das Ernährungsministerium, um über eine Verbesserung der Ernährung für Chancengleichheit zu sorgen.

Während in Hamburg, Bayern und Baden-Württemberg Milch und Kakao aus den Schulen nahezu verschwunden sind, ist der Rückgang in Ländern wie Nordrhein-Westfalen und Berlin vergleichsweise gering oder sogar gegen den Trend gestoppt worden. Hier spiegeln sich auch unterschiedliche Ansätze in der Sozial- und Schulpolitik.

Herr Minister Remmel: Warum trinken die Kinder in NRW mehr Schulmilch als in den anderen Bundesländern?
Weil Bildung und Ernährung einfach sehr eng zusammenhängen. Und weil wir die „Ernährungsbildung“ längst nicht mehr allein den Eltern überlassen. Wir beobachten nämlich zwei Tendenzen: Zum einen findet immer mehr Außer-Haus-Verpflegung statt, zum anderen nehmen viele Eltern es mit der „Ernährungsbildung“ zuhause nicht sehr genau. Als mündige Verbraucher sollen unsere Kinder aber später an der Ladentheke unterscheiden können: Was sind gute Produkte, woran erkennt man eine gute Herstellung, was tut meiner Gesundheit gut? Und das müssen sie ja irgendwann erfahren. Und wo wäre das besser zu erfahren als in der Schule? Die Entscheidung für die Schulmilch wird also in vielen Fällen nicht von den Eltern, sondern von den Schülern selbst getroffen.

Sie gehen selbst in Schulen und werben für Milch und Milchprodukte. Warum ist das so wichtig?
Die Ernährungsbildung ist mir ein persönliches Anliegen. Deshalb haben wir zum Beispiel den „Mädchen lieben Milch Contest“ unterstützt und gefördert, nachdem die Studie „Schulmilch im Fokus“ uns gezeigt hat, dass Mädchen im Vergleich zu Jungen zu wenig Schulmilch trinken.
Aber wir tun noch mehr, haben zum Beispiel zusammen mit dem Bildungsressort die „Vernetzungsstelle Schulernährung“ ins Leben gerufen und setzen auf Ernährungs- und Verbraucherbildung durch „LandFrauen“, die direkt in die Schulen gehen. Insgesamt denke ich, Nordrheinwestfalen kann sich im Vergleich der Bundesländer wirklich sehen lassen – und wenn ich die letzten Meldungen sehe, gibt es ja auch andere Bundesländer, die versuchen, so ein bisschen uns nachzueifern.

Es ist in der Diskussion, Schulmilch kostenlos zu verteilen: Was halten Sie von dieser Idee?
Naja, da gilt der alte Grundsatz: „Was nichts kostet ist auch nichts wert“.
Wir haben ja die Möglichkeit, in sozialen Brennpunkten Fördervereine und lokale Initiativen einzubinden. Sowohl als Sponsoren als in Bezug auf die Schulungsprogramme. Außerdem bin ich der Ansicht, ein gewisser Mindestpreis stärkt auch die Verantwortung.

Trotzdem gibt es Überlegungen, die in diese Richtung gehen?
Schon. Wir haben zum Beispiel nach Finnland geschaut, wo nach dem Krieg ein Passus in die Verfassung aufgenommen wurde, der besagt, dass es zum Auftrag des Staates gehört, eine gesunde Schulverpflegung zur Verfügung zu stellen. Damit wurden die Eltern komplett aus ihrer Verantwortung entlassen. Wir haben aber entschieden: Das wäre in Deutschland kein gutes Signal.

Es gehört also Ihrer Meinung nach in den Verantwortungsbereich der Eltern, dass Kinder die Butterbrotdose eingepackt bekommen, einen Apfel und Milchprodukte?
Ja. Allerdings müssen wir vielfach feststellen, dass das oft vernachlässigt wird, und insofern die Schule auch hier etwas auffangen muss, das eigentlich woanders geleistet werden müsste.

Gilt ihr Wohlwollen auch dem – immerhin zuckerhaltigen – Kakao?
Wir differenzieren da nicht in der Förderung, denken sogar darüber nach, auch andere Milchprodukte – zum Beispiel Fruchtjoghurts – mit ins Portfolio zu nehmen. Wir sind der Überzeugung, dass Milch gesundheitsförderlich ist und dazu beiträgt, insgesamt eine gesunde Ernährung zu haben – und dazu zählen eben auch Milchprodukte wie Milchmischgetränke, Kakao und Joghurt. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man gerade im Milchbereich darauf setzen sollte, den Kindergeschmack zu treffen. Man muss sie nicht mit Zucker vollstopfen, aber wie sonst kann man erreichen, dass sie eine positive Verbindung zu den gesundheitsfördernden Milchprodukten entwickeln?

Weitere Infos:

https://www.umwelt.nrw.de/verbraucherschutz-ernaehrung/gesunde-ernaehrung/schulmilch/
https://www.umwelt.nrw.de/verbraucherschutz-ernaehrung/gesunde-ernaehrung/
http://www.wllv.de/projekte-und-aktionen/landfrauen-in-schulen/
http://www.landfrauenservice-rheinland.de/front_content.php
http://www.landfrauenservice.de/lfs_minden_luebbecke.htm
http://www.landfrauenservice.de/guetersloh.htm
http://www.landfrauenservice.de/lfs_muensterland.htm